Kas, Türkei, Mai 2004

Tauchgang in die Antike

 

Nachdem ich bislang ausschließlich das westliche Mittelmeer kennen gelernt habe, hat es mich gereizt, auch mal im Osten zu tauchen. Nach einigen Recherchen stieß ich auf die türkische Stadt Kas, wo es nicht nur schöne Tauchgründe, sondern auch jede Menge antike Überreste auf dem Meeresgrund geben soll. Für Kas sprach aus meiner Sicht auch, dass es weiter weg von den Flughäfen liegt und dadurch auch nicht touristisch überlaufen ist. Das Buchen gestaltete sich sehr unkompliziert, da wir uns eigentlich nur um den Flug kümmern mussten – alles andere übernahm unsere Tauchbasis „Kas Diving“, und das zu einem günstigen Preis.

 

Anfang Mai bestiegen Klaus und ich also unseren Flieger in Nürnberg, um von dort nach Antalya zu fliegen. Der – durch Baustellen etwas verzögerte – Transfer vom Flughafen nach Kas war sicher das gefährlichste an der ganzen Reise. Aufschlussreich war etwa, dass der Taxifahrer seinen Gurt nur dann anlegte, wenn er an einer Polizeistreife vorbeidüste. Die Küstenstraße bot uns – soweit wir spätabends noch die Augen offen halten konnten – schon einen Vorgeschmack auf die wildromantische Landschaft Lykiens, wie dieser Landstrich seit der Antike heißt.

Kas selber ist ein hübsches Städtchen, das bis 1923 von Griechen bewohnt wurde und deshalb mit seinen weißgekalkten Flachdachhäusern an die Dörfer und Städte in der griechischen Ägäis erinnert. In der Antike lag hier die Hafenstadt Antiphellos, an die ein wunderbares, fast perfekt erhaltenes Theater aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. erinnert, ebenso ein Tempel und einige Felsgräber. Ein steinernes Fürstengrab steht mitten in der Altstadt, in der es zahlreiche Geschäfte und Gaststätten gibt. Um den 4.000 Einwohner zählenden Ort hat sich eine Hotelsiedlung entwickelt, die jedoch nicht von großen „Bunkern“, sondern kleinen Familienbetrieben geprägt ist. Für große Hotelanlagen wie in Antalya oder Bodrum fehlt hier schlicht der Platz – die Felsrücken des Taurusgebirges steigen fast direkt aus dem Meer auf eine Höhe von 600 Metern an. Auch Sandstrände sucht man hier vergeblich – ein paar Kilometer weiter gibt es zwar einen paradiesisch schönen, aber in Kas selbst und seiner näheren Umgebung dominieren Felsen, allenfalls mal ein wenig Kies. Kas liegt an einer großen Bucht, der gegenüber die griechische Insel Kastellorizo liegt. Zwischen der Insel und dem Festland zieht sich eine Kette von Riffen, die hervorragende Tauchplätze bieten – und zahlreichen Schiffen zum Verhängnis geworden sind. Auch über Wasser gibt es in der näheren Umgebung zahlreiche antike Ruinenstätten, so Myra (wo St. Nikolaus Bischof war) und die im Meer versunkene Stadt Kekova, deren Reste in bis zu 5 m tiefem Wasser liegen und per Schnorchel besichtigt werden können.

 

Es war im Mai noch Nebensaison und ging gemütlich und familiär zu. Bei Sabine, Levent, Thomas und Isi, dem türkisch-deutschen Team von „Kas Diving“ haben wir uns bestens aufgehoben gefühlt. Die Ausfahrtzeiten waren für Morgenmuffel wie mich ideal – es ging um 10 Uhr los, zurück kamen wir meist am frühen Nachmittag. Mit der „Abyss“ hatten wir für mein Empfinden auch das beste Tauchboot vor Ort – und waren zu maximal acht auf einem Schiff für maximal 40 Leute! Der Preis hierfür war allerdings ein mit 19 °C noch relativ kaltes Wasser. Die Sicht war mit etwa 20 m eigentlich immer gut, wird im Sommer dem Vernehmen nach noch wesentlich besser bis 40 m.

 

Die Tauchplätze sind sehr vielfältig und zahlreich, auch zwei Wochen reichen nicht, um sie alle kennen zu lernen. Ein Top-Tauchplatz ist z.B. das Canyon-Riff, wo man durch einen 3-4 m breiten Canyon bis auf ca. 30 m hinunter taucht und dann die Reste eines griechischen Frachters erforschen kann, die bis 40 m liegen. Beeindruckend ist auch der „Tunnel“, wo es durch einen großen Torbogen in 20-30 m Tiefe geht. Für mich als Archäologie-Fan war das Wrack von Fener Kulesi sehr interessant, ein 2-300 Jahre altes Segelschiff, dessen Reste auf einer Seegraswiese liegen und in 22 m in aller Ruhe erforscht werden können. Tiefe und anspruchsvolle Tauchgänge sind möglich, man findet aber auch im Flachen genug Interessantes.

Typisch sind viele Schnecken, Bärenkrebse, Langusten und Drachen-köpfe, die mittelmeer-typischen Mönchsfische, aber auch größeres wie Zackis und Bernsteinmakrelen – und der größte Oktopus, der mir bislang begegnet ist. Spannend ist auch, dass man einige Bekannte aus dem Roten Meer trifft, die durch den Suezkanal hier eingewandert sind, vor allem Flötenfische, die einem fast überall begegnen. Sobald Strömung aufkommt, wimmelt es von Fischen – und das ist schnell der Fall, da der Durchgang zwischen Kastellorizo und dem Festland wie eine Düse wirkt.

Was mich mit am meisten fasziniert hat, waren aber die zahlreichen Relikte aus der Antike, die man bei wirklich jedem Tauchgang sieht. Vor allem sind das Amphoren (Tonkrüge) bzw. deren Trümmer, andere Fracht wie Mühlsteine (!) und Schiffszubehör wie Steinanker und Ankerstöcke aus Blei. Meist handelt es sich nur noch um Scherben, aber an manchen Tauchplätzen sind auch ganze Gefäße zu finden. Ein besonders interessanter Amphoren-Platz ist das Oasis-Riff, das sich vielleicht über einem antiken Wrack gebildet hat und wo man 2.700 Jahre alte phönizische Amphoren findet, teils perfekt erhalten. Eine Art Unterwassermuseum ist auch das „Amphoreneck“, wo es nicht nur römische Amphoren und Steinanker, sondern große eiserne Anker – vielleicht aus dem 18. Jahrhundert – zu bewundern gibt. Leider konnten wir wegen starker Strömung die recht tief liegenden, aber gut erhaltenen Reste eines römischen „Olivenöltankers“ mit mehreren Riesenamphoren nicht betauchen.

Im Sommer, wenn mehr Leute da sind, gibt es auch Tagesausfahrten zu einigen spektakulären Tauchplätzen, die weiter weg liegen, wie den Wracks der „Duchess of York“ und der „Iberian Coast“., die erst letzes Frühjahr untergegangen ist. Auch über Wasser kann man es sich hier richtig gut gehen lassen – wer deftiges Essen liebt, wird in den Restaurants der Altstadt schlemmen ohne Ende. An einem Abend haben wir so viele Vorspeisen gestestet, dass wir den Hauptgang gar nicht mehr versucht haben. Da Thomas, unser Guide, diesen Job auch über Wasser wahrgenommen hat, hatten wir sachkundigen Rat, wo man gut essen kann – und mit dem „Hideaway“ fanden wir auch die perfekte Kneipe für einen „Absacker“. Und abends gab es auf dem Balkon unseres Hotels – einfach, aber gemütlich und familiär – einen Schlummertrunk mit Blick auf die im Mondlicht silbern schimmernde Bucht.

Fazit: Unser Abstecher in die Türkei hat uns gut gefallen – sowohl unter als auch über Wasser. Vielleicht wiederholen wir ihn nächstes Jahr. Aber dann, wenn das Wasser etwas wärmer ist…

Text und Fotos: Daniel Stihler