Gefährlicher Fund in der Jagst ?

Das Relikt aus der Vergangenheit - ein brisanter Fund beim Flusstauchen in der Jagst (2004)

 

Auch wenn manche darüber lächeln – für Rolf und mich ist es immer wieder ein nettes Samstagnachmittagsvergnügen, nach Eberbach zu fahren und an der dortigen Badestelle einen oder auch zwei Tauchgänge in der Jagst zu machen. Die kurze Distanz, zahlreiche Fische und der schöne Bewuchs sind unserer Meinung nach eine durchaus akzeptable Entschädigung für die geringe Tauchtiefe. Dass die Jagst auch noch weit ungewöhnlicheres als Aale, Karpfen und Barsche, nämlich Relikte aus dem vor 60 Jahren zu Ende gegangenen „Tausendjährigen Reich“ zu bieten hat, überraschte uns dann aber doch.

An einem Samstag Ende August kamen wir wieder einmal dort an und stellten mit Freude fest, dass trotz des schönen Wetters niemand da war und wir den ganzen Fluss (an dieser Stelle) für uns hatten. Leider sahen wir nach dem Einstieg, dass die Sicht nicht besonders gut war, aber die 1,5-2 m reichten für einen ordentlichen Tauchgang. Wie üblich tauchten wir über den Fluss, gingen ein Stück nach links in Richtung Stauwehr und schauten, ob wir im geheimnisvollen Dämmerlicht zwischen den unterspülten Wurzeln und Ästen nicht den angeblich dort hausenden, riesigen Wels aufstöbern konnten – wie immer vergeblich. Angler – ein solcher hatte und von diesem Unhold erzählt – sind ja leider mindestens ebensolche Schwindler wie Taucher, und vielleicht gehört dieser Flussbewohner doch eher in das Reich der Fabeln. In der Nähe des Wehrs stößt man auch auf allerlei undefinierbare Überreste, die dort irgendwann mal im Fluss gelandet sind und die sich nicht mehr identifizieren lassen. Diesen dubiosen Trümmern schenkten wir eher weniger Aufmerksamkeit als sonst, weil sich die Strömung in der Nähe des Wehrs unangenehm bemerkbar machte, so dass wir schließlich umdrehten. Doch auf dem Rückweg fiel mir auf einmal ein schlammbedeckter Gegenstand auf, dessen Formen so gar nicht zu den Steinen in der Umgebung passen wollten. War das etwa eine… Ja, tatsächlich: nachdem sich der aufgewirbelte Schlamm etwas gelegt hatte, entpuppte sich das Objekt als eine großkalibrige und ziemlich schwere automatische Pistole, die allerdings total verrostet war. Da ich so etwas natürlich nicht liegen lassen konnte, setzte ich den Tauchgang mit der Pistole fort und meine beobachtet zu haben, dass Rolf meinen mit bewaffneter Hand gemachten Zeichen etwas schneller Folge leistete als sonst.

 

Erstaunlich war, dass wir gerade bei diesem Tauchgang bei schlechterer Sicht als sonst auch noch manches anders fanden. Neben einem Bierglas, dass schon seit letztem Jahr vergeblich hofft, mitgenommen zu werden, entdeckten wir unter anderem einen alten Fassreifen, ein hübsch ausgeschmiedetes Metallband unbekannter Funktion und einen ziemlich schlammigen Schnorchel, was wir jedoch alles den Flussgöttern als Opfer da ließen.

 

Mein Fundstück kam mir bekannt vor, und da die dicke Rostkruste eine lange Zeit im Wasser verriet, vermutete ich, dass es sich um eine Wehrmachtspistole handelte, die ein Soldat 1945 in die Jagst geworfen hat, als die Amerikaner im Anmarsch waren. Seriennummern und ähnliches waren allerdings unter dem dicken Rost verschwunden, der auch den Lauf völlig zugesetzt hatte. Gefährlich war das Ding mit Sicherheit nicht mehr. Daheim angekommen, recherchierte ich ein wenig im Internet und stellte fest, dass es sich tatsächlich um eine Waffe der deutschen Wehrmacht handelte, und zwar um eine „Pistole 08“ bzw. „P 08“ mit dem Kaliber 9 mm, die nach ihrem Konstrukteur Georg Luger auch als „Luger“ bekannt ist. Diese technisch aufwendige, komplizierte und sehr präzise Waffe wurde zuerst bei der Firma Ludwig Löwe & Co in Karlsruhe hergestellt und ab 1908 bei der kaiserlichen Armee als Waffe für Offiziere verwendet. Schon im Ersten Weltkrieg sollen insgesamt etwa 1.5 Millionen Pistolen dieser Art hergestellt worden sein, im Zweiten Weltkrieg, wo die „P 08“ noch bis 1942 produziert wurde, weitere 413.000. Fabriziert wurde sie unter anderem auch bei Mauser in Oberndorf. Die mit 0,87 kg ziemlich schwere Waffe wurde während der Naziherrschaft nicht nur an Wehrmachtseinheiten ausgegeben, sondern auch an Parteidienststellen, d.h. an NS-Funktionsträger wie Ortsgruppen- und Kreisleiter sowie die SA und die SS. Es kann also davon ausgegangen werden, dass zahlreiche Verbrechen des braunen Terrorregimes mit der „P 08“ verübt worden sind. Der Vorbesitzer „meiner“ Pistole war vielleicht kein Soldat, es könnte auch irgendein NSDAP-Funktionär, ein Mitglied der SS oder SA oder vielleicht auch ein Veteran des Ersten Weltkriegs aus Eberbach gewesen sein, der die Waffe in die Jagst geworfen hat. In jedem Fall wollte er sicher nicht von den siegreichen Amerikanern mit einer großkalibrigen Pistole in der Hand oder im Haus angetroffen werden.

 

So weit, so gut, aber was tun mit diesem historischen Fundstück? In der Vitrine im Wohnzimmer machte sie sich recht gut, aber mir war klar, dass das wohl kein dauerhafter Zustand sein würde, schließlich gibt es hierzulande ja strenge Waffengesetze. Nachdem ich Erkundigungen bei verschiedenen Bekannten eingezogen hatte, rief ich als gesetzestreuer Bürger schweren Herzens beim Ordnungsamt in Mulfingen an, um den Fund dort zu melden. Da man dort mit derartigen Dingen nicht viel anzufangen wusste, ging die Angelegenheit an die örtliche Polizei weiter, mit der ich vereinbarte, dass ich die Pistole in Hall abgeben könnte, damit ich nicht extra nach Mulfingen fahren muss. Auf diese Weise bekam mein Fund noch eine Woche Aufschub, während der er sich, wie gesagt, prächtig in meiner Vitrine machte und von Besuchern gebührend bewundert wurde.

 

Doch dann schlug die Stunde der Trennung – ich fuhr mit meinem Fundstück zur Haller Polizei, wo sie bis zum nächsten Besuch des Kampfmittelbeseitigungsdiensts in der Asservatenkammer verschwand. Auf meine zaghafte Frage, ob man die Pistole, wenn ich sie schon selbst nicht behalten dürfte, nicht einem Museum geben könne, da sie offensichtlich nicht gefährlich sei sei – es sei denn, man schlüge sie jemanden über den Kopf -, erhielt ich von der zuständigen Polizistin die Antwort, dass man darüber hätte reden können, wenn kein Magazin in der Waffe gewesen wäre. Da es aber noch drin steckte, müsse man auch damit rechnen, dass darin noch Patronen wären. Die seien nicht ungefährlich, denn aufgrund altersbedingter Zerfallsprozesse könnten sie sich z.B. durch Erschütterungen wie beim Herunterfallen oder durch Hitze detonieren und die Pistole zerreißen. Das formaljuristische Argument mit dem Waffenrecht hätte mich nicht überzeugt (folgen hätte ich ihm trotzdem müssen) – hatte ich doch beim Westerntreff auf dem Hasenbühl gerade eben recht verdächtige Gestalten mit Waffen hantieren sehen, die zwar Vorderlader und deshalb ohne Waffenschein erhältlich, aber weitaus tödlicher als meine Rostpistole waren. Aber da ich ähnliches über die von sich zersetzenden Sprengstoffen ausgehenden Gefahren schon gehört hatte, sah ich widerstrebend die Notwendigkeit ein, auf meine Wohnzimmerdekoration zu verzichten.

 

Bei der Gelegenheit erfuhr ich noch, dass derartige Funde recht häufig seien, vor allem an einem Wehr in Gaildorf, wo alle paar Wochen Handgranaten und ähnliches zum Vorschein kommen würden. Dringend abraten würde sie davon, Granaten usw. mitzunehmen und mit dem Auto spazieren zu fahren. Man solle aufgrund der erwähnten Brisanz alter Munition von derartigen Funden unbedingt die Finger lassen und via Polizei den Kampfmittelbeseitigungsdienst alarmieren. Mit einem gewissen Unbehagen fiel mir dabei wieder ein, wie ich vor einigen Jahren bei einem Tauchgang an der „Thistlegorm“ einen Taucher beobachtete, der sich mit Hammer und Meißel an einigen Granaten aus der Fracht dieses Schiffes zu schaffen machte. Irgendwann wird es dort vielleicht mal einen mächtigen Knall geben…

 

Tja, so schließe ich diese Zeilen in dem befriedigenden Wissen, meiner staatsbürgerlichen Pflicht genügt und ein kleines Abenteuer erlebt zu haben, hege aber trotzdem ein gewisses Bedauern ob des Verlusts dieser Bereicherung unserer Wohnzimmervitrine. Meine Frau konnte meinen Kummer über den Verlust eines rostigen Mordinstruments übrigens gar nicht nachvollziehen und war froh, es außerhalb der Reichweite unseres Sohnes zu wissen. Männer hängen ihr Herz doch manchmal an sehr seltsame Dinge!

Text und Foto: Daniel Stihler